Gasometer-Geschichten 2018-05-13T13:27:02+00:00

Project Description

Gasometer Duisburg
Gasometer Oberhausen

Gasometergeschichte

Gasometer Solingen
Gasometer- geschichte

Sabrina Peters

Gasometergeschichten

Seit Beginn der Stahlindustrie hängt die Entstehung und Wiederverwendung von Koksofen-, Hochofen-, und Konvertergasen mit den Prozessen in Kokereien, Hochöfen und Stahlwerken unmittelbar zusammen. Wurde das bei den Verbrennungsprozessen entstehende Gas ursprünglich noch als Abfallprodukt behandelt, erkannte man mit der Zeit seinen industriellen Wert und fing die flüchtigen Bestandteile in immer wieder modernisierten Anlagen auf. Das Gas musste in aufwändigen Prozessen gereinigt werden und konnte dann als Brenngas wieder verwertet werden. Die Nachfrage nach Gas in der Industrie, in den Kommunen (z.B. Straßenbeleuchtung) und in den Privathaushalten wuchs und viele Städte stiegen von ihren eigens errichteten Gaswerken auf Ferngas um. Das war nicht nur ökologischer sondern auch kostengünstiger.

Für die Zwischenspeicherung der verschiedenen Gase entstanden in Deutschland hunderte von Gasbehältern, die mit einer Stahl-Außenhaut versehen waren.

Es gab zwei führende Firmen aus Deutschland, die ihre Produkte weltweit verkauften: Die Firma Aug. Klönne mit Sitz in Dortmund und das Unternehmen MAN aus Augsburg und Nürnberg.
Erst der Niedergang des Bergbaus, die Veränderungen in der Stahlindustrie im Ruhrgebiet sowie die Umstellung der Städte von Ferngas auf Erdgas – das besser in größeren Mengen und unter höherem Druck im Boden gespeichert werden konnte – ließen viele Gasbehälter obsolet werden. Eine große Anzahl an Behältern wurde daher stillgelegt und abgebaut. Es gab allerdings auch einige, die erhalten wurden und eine neue, spannende Zweckbestimmung bekamen.
Im Folgenden werden drei besondere Beispiele – davon zwei aus dem Ruhrgebiet – für eine weltweit einzigartige Umnutzung vorgestellt. Alle drei beanspruchen für sich nicht nur eine neue Art der Nutzung gefunden zu haben, sie fungieren auch als Beispiele für die verschiedenen Bauweisen der Gasbehälter und erinnern damit auch an die Technikgeschichte dieser Anlagen.

©WWA, Dortmund
Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Dortmund, F28/22, Nr.2

Taucher im Nordpark Duisburg
Der älteste Gasbehälter aus dieser Reihe steht auf Duisburger Stadtgebiet und ist auch gleichzeitig einer der älteren Bauweisen. Mit seiner zylindrischer Form wurde er 1920 noch nach dem Nassbauprinzip gebaut. Dies bedeutet dass ein Wasserbecken, in welches eine Gasglocke gestülpt wird, das Gas von der Luft abgrenzt. Mit zunehmender Gasfüllung wird die Glocke angehoben und fährt je nach Füllung in mehreren Segmenten nach oben. Für diese Bauweise ist daher auch die Bezeichnung Teleskopgasometer gebräuchlich. Das Wasserbecken brachte jedoch vor allem in den kalten Monaten erhebliche Nachteile wegen der Gefahr des Einfrieren des Wassers mit sich, weshalb diese Konstruktion später von den sogenannten Scheibengasometern abgelöst wurde.
Bis zur Werksstilllegung 1985 wurde dieser Gasometer des Hüttenwerks Duisburg Meiderich noch betrieben. Danach gab es viele Umnutzungsvorschläge. Rudi Kelbassa, „Tauchpionier“ im Nordpark, war einer derjenigen, der sich nicht nur für den Erhalt, sondern auch für den Umbau und eine einzigartige Neunutzung des Gasometers einsetzte. Die Glocke des Gasometers wurde festgesetzt und der Gasspeicher wieder mit Wasser befüllt. So dient der „Tauchgasometer“ heute den Tauchern im Landschaftspark Duisburg Nord als Übungsraum.

©WWA, Dortmund
Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Dortmund, F28/22, Nr.2

Industriekathedrale Oberhausen

1929 wurde der berühmte Oberhausener Gasometer erbaut. Auch er diente dazu, das Gichtgas aus den Hochöfen der Gutehoffnungshütte und später das Koksgas der Kokerei Osterfeld gewinnbringend und Ressourcen effizient wieder einsetzen zu können. Heute ist er einer der wenigen Anlagen, die noch an die Stahlproduktion der Gutehoffnungshütte erinnert.
Anstelle von Wasser grenzt eine in seinem inneren verbaute Scheibe Gas von Luft ab. Der Gasometer ist daher eine fest verankerte Konstruktion, deren Höhe gleichbleibend ist. Je nach Gasfüllung im Inneren, fährt die Scheibe nach oben oder nach unten. Ein großer Vorteil, den diese Bauweise mit sich bringt ist zum einen eine größere Speicherkapazität und der Umstand, dass keine Beheizung eines Wasserbeckens im Winter notwendig ist, um ein Einfrieren der Glocke zu verhindern. Der in der Bauart  Klönne vorgestellte Dortmunder Gasometer ähnelt in seiner Bauweise dem von MAN errichteten Oberhausener Gasometer. (Anstelle von Scheibe spricht Klönne hier von Kolben.) Mit einem Volumen von 347.000qm ist der Oberhausener Gasometer jedoch um ein vielfaches größer als der Dortmunder Scheibengasometer.
Seine beachtliche Größe, seine technikgeschichtliche Bedeutung sowie die außergewöhnlichen Möglichkeiten, ihn als Ausstellungsraum zu nutzen, haben dazu beigetragen, dass er heute denkmalgeschützt als eine der meist bestaunten „Industriekathedralen“ (Jeanette Schmitz, Geschäftsführerin des Gasometers) bezeichnet werden kann. Mit seiner beachtlichen Höhe von 117 Metern ist er einer der Höchsten noch erhaltenen Gasbehälter in Europa.

©WWA, Dortmund
Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Dortmund, F28/22, Nr.2

Solingen greift nach den Sternen

Eine andere Form von Gasspeicher wurde meist von Städten bevorzugt, die ihr Gas in eigenen Gaswerken erzeugten und unter hohem Druck speicherten. Der Kugelgasbehälter brachte den Vorteil einer größeren Mengen-Speicherung auf kleinerem Raum und somit auch kleinerem Materialaufwand mit sich. Der 1956 erbaute „Gasball“ wurde zu einer Zeit errichtet, als Gas zur meistverbrauchten Energiequelle in den Haushalten wurde. Die stetig steigende Gasnachfrage begründete sich aus der bis 1975 mit Gas betriebenen Straßenbeleuchtung und der Tatsache, dass immer mehr Haushalte an die Gasversorgung angeschlossen wurden. Seit 1906 bezog die Stadt Solingen Ferngas als überschüssiges Gas aus der Kohle- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets. Erst mit der Umstellung der Stadtwerke auf Erdgas wurden auch die Kugelgasbehälter obsolet, da sich das Erdgas viel besser in unterirdischen Speicheranlagen in größerer Menge und auch unter größerem Druck speichern ließ und sich so die Bedarfsschwankungen besser austarieren ließen.
Für den Physiker und heutigen Besitzer des verbliebenen Gasbehälters auf Solinger Gebiet, Dr. Frank Lungenstraß, kam die Stilllegung des Solinger Gasbehälters zu einem für ihn und sein Team günstigen Zeitpunkt. In einem ambitionierten, groß angelegten Bauprojekt, soll der Kugelbehälter eine neue Funktion bekommen, für die er bereits mit seiner „runden“ Architektur perfekte Eigenschaften mit sich bringt. Herr Lungenstraß ist langjähriger Mitbetreiber der Solinger Sternwarte. Mit dem Bauprojekt erfüllt er sich und seinem Team den langjährigen Traum einer Sternwarte mit Planetarium.

Danksagung

Für die Unterstützung in diesem Projekt möchte ich mich ganz herzlich bei allen beteiligten Personen bedanken! Ein besonderer Dank gilt meinen Interviewpartnern:
Rudi Kelbassa
Jeanette Schmitz
Dr. Frank Lungenstraß
sowie dem Taucher Timo Klaas, dem WWA Dortmund und für die Korrektur meiner Texte, Michael Clarke.