Unter Kumpel 2018-05-12T20:15:33+00:00

Project Description

Florian Dürkopp & Victoria Jung

Unter Kumpel

Mit Schließung der letzten Zeche in Bottrop endet 2018 die Ära des Steinkohle-Bergbaus im Ruhrgebiet. Eine Zeit, die diese Gegend nicht zuletzt wirtschaftlich, kulturell und geografisch geprägt hat.

Was der Bergbau darüber hinaus geschaffen hat, ist vor allem ein großer Freundeskreis. Ein Freundeskreis, der auf großem Zusammenhalt beruht und auch in der Rente aufrechterhalten wird. So begegnen sich die Kumpel mit Herzlichkeit, Treue und Respekt, aber genauso wird auch gestichelt und geneckt.

Nicht anders verhält es sich für die Kumpel vom Bergbau Geschichtskreis »Haus Aden/Grimberg 3/4«.

Im Keller des Stadtmuseums Oberaden im Kreis Unna trifft sich jeden Mittwochmorgen um halb neun die kleine Gruppe von ehemaligen Bergleuten und Freunden.
Ihr gemeinsames Ziel ist es, dass die Geschichte -ihre Geschichte – nicht in Vergessenheit gerät. So führt die Truppe ehrenamtlich ein eigenes Untertage-Minimuseum, baut vor der Tür gerade das Abbild eines Bergbau-Stollens und ist im Besitz eines mobilen Wanderstollens, welcher zu besonderen Anlässen und Feiern für Besucher aufgebaut wird.

*Kumpel: Bezeichnung für die Arbeitskollegen im Kohlebergbau.

Erichs Mütze

»Die setz ich normal nur im Winter auf oder wenn ich auf Schalke fahre, sonst bleibt die oben auf der Hutablage liegen.« Erich hat seine Mütze schon seit 30 Jahren, fast genauso lange hat er auch in der Zeche Haus Aden gearbeitet, bevor er 1990 in die Anpassung ging. Die zahlreichen Anstecker bekommt er von seiner Enkelin und anderen geschenkt, die wissen, dass er die gerne sammelt um damit Mützen und Jacken zu verzieren. Seine eigene Mütze zieren unter anderem eine Grubenlampe und Anstecker von Schalke 04. »Schalke ist auf Kohle geboren, da wird auch immer das Bergmannslied gesungen.«

Erich Wahl

Das wöchentliche Plenum am Mittwoch

Formen, Schaffen, Herrichten

Nach zahlreichen Tassen Kaffee und hitzigen Diskussionen im Plenum am Mittwochmorgen werden anstehende Arbeiten in Angriff genommen. Darunter fallen Reparaturen im Museum, die Weiterentwicklung der Ausstellung sowie der Austausch und Einbau von neuen Exponaten. Jeder bringt sich nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten ein.

Willis Prisenpulle

Wilhelm Null erzählt:
»Ich war Betriebsrat, unter anderem war ich verantwortlich für die Ausbildung. Für Über- und Untertage. Ein Tach bin ich dann nach Untertage gefahren in das Ausbildungsrevier. Die anderen waren gerade am Buttern. Buttern ist die Pause des Bergmanns. Und hab ich mich dazugesetzt, Prise gereicht meinen Kollegen und da war mein Kollege Karl. Der sah, dass bei meiner Prisenpulle oben der Verschluss defekt war und dann nahm er einen abgebrochenen Hammerstiel – also das ist ein abgebrochener Hammerstiel – und fing an zu – mit dem Bandmesser – an zu schnitzen. Ich sach: „Karl was machst du da?“ Sacht er: „Warte ma ab, ich mach dir nen neuen Verschluss für deine Prisenpulle.“ Und ich sach mal, ne Woche später kam er ins Büro – ins Betriebsratbüro – rein und sachte: „Hier Willi, da hast du nen Abbild deiner Silhouette.“ Also das ist ein Bergmannskopf mit Vollbart, ich trage immer Vollbart. Und er sachte: „Hier passt genau auf deine Prisenpulle.“ Und das hab ich also in Ehren gehalten. Ist bei mir im Schrank. Das ist nicht mehr die Originalflasche. Sondern das war ne Kunststoffflasche, aber die war mittlerweile auf. Und dann hab ich die auf ne Porzellanflasche draufgesetzt und so ist das bei mir als Andenken an die Bergmannszeit im Schrank. Schön oder?«
*Prise: Bezeichnung für Schnupftabak. Aufgrund der Gefahr von »schlagendem Wetter« (explosiven Gasen) war im Bergbau offenes Feuer und somit auch das Rauchen strengstens verboten. Diejenigen, die nicht auf den Konsum von Tabak verzichten wollten, stiegen auf das braune Pulver aus der Dose um.
Wilhelm Null

Das Museum

Peter erzählt die Geschichte vom Berggeist

Bergleute halten zusammen

Uwe zieht um. Für ihren Lebensabend verschlägt es ihn und seine Frau an in die Ostsee, auf die Insel Rügen. Es liegt auf der Hand, dass der Umzug nicht etwa von einem Unternehmen bewerkstelligt wird, sondern ohne Diskussion ein Teil der Bergmannsgruppe bereitstehen wird.
Der Eingang der alten Wohnung befindet sich direkt auf dem Kaufland-Parkhausdach in Bergkamen. Deshalb werden am Tag des Umzugs kurzerhand die Einkaufswägen des Supermarkts als Kistentransportmittel umfunktioniert. Willi und Hermann laden Kartons in die Wägen und karren diese geduldig Stück für Stück die Rampe des Parkhausdecks herunter und wieder hoch.

Zwischendrin wird »abgeschwitzt«, was bedeutet, dass man auch mal Pause macht, um sich nicht zu überarbeiten.
Währenddessen bauen die anderen oben die Schränke ab, unter Uwes strenger Aufsicht, der darauf achtet, dass auch keine der Schrauben verloren geht.
Bei einer der letzten Kisten, die voll mit Kassetten ist, wird zwar noch kurz kritisch darauf hingewiesen, dass man die heutzutage wohl nicht unbedingt noch braucht, aber so findet auch der letzte Karton schließlich seinen Weg in den Transporter, den Uwe am Abend noch nach Rügen fahren wird.

*Glückauf: Der Gruß des Bergmanns. Ursprünglich im Erzabbau verwendet, wurde damit Glück beim Finden von Erzgängen gewünscht, da nur diese zum Entlohnen der harten Arbeit führen würden. Im späteren Gebrauch ging es weiterhin auch darum zu wünschen, dass jemand nach Beendigung der Schicht wieder heil aus dem Bergwerk auffährt.

Der Barbara Stollen

Um die Historie der Bergbauzeit nicht nur zu vermitteln, sondern auch erfahrbar zu machen, hat der Geschichtskreis den Bau eines Lehrstollens auf dem Gelände des Stadtmuseums initiiert. Die heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute und deshalb Namensgeberin des Bauwerks.
Stillgelegte Schachtanlagen spenden dem Geschichtskreis Objekte zur Inneneinrichtung des begehbaren Stollens. Diese oft Tonnen schweren Geräte werden von den Männern in den Barbara Stollen nach Oberaden geschafft, wo sie zugänglich für die Öffentlichkeit fortbestehen können.

»Fass bitte mein Bild vernünftig an.«

Hermann Wedemeyer

Hermanns Häckel

Hermann Wedemeyer erzählt:
»Wir hatten Mittagsschicht, zwölf Uhr und sind mit Steiger Spielmann – das war unser schichtführender Steiger – angefahren, und in der Lampenstube – der hat immer einen Häckel dabei gehabt – und da stand auch sein Name drauf, Karl – der hieß Karl Spielmann – hat der den oben auf die Ladestation von unseren Kopflampen abgelegt und hat ihn vergessen mit in die Grube zu nehmen und in der Grube da rannte er schon immer rum wie so ein Wiesel. Ich sach: „Was hat der Karl denn?“ Da sacht er: „Ich such mein Häckel.“ Joa, wir ham nichts gesacht. Und als ich dann rausgefahren bin und guck in der Lampenstube da lag der Häckel noch immer oben auf der Ladestation, da hab ich den Häckel genommen und seitdem ist er in meinem Besitz. Karl hat ihn nie wiedergesehen.«
*Häckel: Würdezeichen für Aufsichtspersonen im Bergbau (Bergbeamte, Steiger) und Teil der Berufstracht. Im Ruhrbergbau diente der »Gebrauchshäckel« außerdem als Gehstock, Vermessungsgerät und als Abklopfwerkzeug zur Überprüfung der Standfestigkeit des Grubenausbaus.

Wir danken:

Wir bedanken uns herzlich beim Geschichtskreis »Haus Aden/Grimberg 3/4«. Unser besonderer Dank gilt den Mitgliedern, die uns so warmherzig und gastfreundlich empfangen haben. Die vorzügliche Verpflegung, nicht zuletzt die unzähligen Tassen Kaffee und die besten Mettbrötchen im ganzen Pott. Für eine lange Reihe sehr unterhaltsamer Mittwoche.

Den Mitgliedern des Geschichtskreises:

Raimund Balve

Hans Berg

Wolfgang Ebbinghaus

Norbert Hollatz

Rainer Kerbs

Patric Mehler

Klaus Metzenbauer

Wilhelm Null

Peter Prill

Uwe Radtke

Peter Schedalke

Peter Sternberg

Manuela Veit

Volker Wagner

Erich Wahl

Hermann Wedemeyer

Claus Wedemeyer

Monika Wedemeyer

Heinrich Weischenberg

und dem Museumsleiter:

Mark Schrader

Peter Schedalke
Norbert Hollatz
Claus Wedemeyer
Raimund Balve
Heinrich Weischenberg
Monika Wedemeyer
Volker Wagner
Peter Prill